113 SpaceX und Elon Musk

Radiorebell- Ein Podcast von Vater und Sohn über Autismus, Wissenschaft und Weltverbesserung

SpaceX und Elon Musk: Lange hatte ich das Gefühl, dass ich in einer Zeit ziemlichen Stillstands in der Raumfahrt lebe, zumindest im Vergleich zu der rasenden Entwicklung in anderen Bereichen. Klar, ich habe die erste Landung auf einem Kometen erlebt, ein paar Rover, die man zum Mars geschickt hat und Teile des Aufbaus der Internationalen Raumstation. Aber wenn ich überlege wie groß die technologischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte waren und trotzdem seit über 50 Jahren kein Mensch mehr den Mond betreten hat, habe ich schon das Gefühl, dass dort etwas mehr geht. Und offenbar bin ich dort nicht der einzige.

Denn einen ähnlichen Gedanken hatte auch der Unternehmer Elon Musk im Jahr 2002. Der einzige Unterschied zu meinem war ziemlich viel Geld und somit die Möglichkeit, Gedanken in die Tat umzusetzen. So gründete Elon Musk sein Raumfahrtunternehmen Space Exploration Technologies Corporation, kurz SpaceX. Sein erstes Ziel: Ein Gewächshaus auf den Mars bringen. Dadurch sollte

„…die längste Strecke erzielt werden, die Leben jemals zurücklegte“.

Das Mars Oasis getaufte Projekt hatte natürlich auch einen wissenschaftlichen Nutzen, denn für künftige menschliche Siedler wird der Nahrungsanbau auf anderen Planeten unabdingbar sein, doch sein eigentlicher Zweck war ein anderer: Das Bild des grünen Oase vor dem roten Boden des Mars sollte die Menschen beeindrucken und zum Nachdenken anregen, ganz ähnlich wie es das berühmte Bild Earthrise tat, das von den Mondfahrern während Apollo 8 aufgenommen wurde und die Oase der Erde vor dem schwarzen Nichts des Alls zeigt.

Die Umsetzung von Mars Oasis gestaltete sich jedoch wirklich schwierig, denn Elon Musk konnte keine bezahlbare Rakete finden, mit der die Raumsonde hätte starten können und das war der Grund, weshalb Mars Oasis dann auch immer ein Traum blieb – genauso wie viele andere überwältigende Projekte, die daran scheitern, dass ein Raketenstart zu teuer war. Aus diesem Grund machte sich SpaceX unbeachtet von der Öffentlichkeit an den Bau einer eigenen Rakete, der Falcon 1. Doch auch das erwies sich als nicht so einfach…

Als Elon Musk den Start für 2004 ansetzte, konnte er dies nicht einhalten und die ersten drei echten Starts 2006, 2007 und 2008 gingen allesamt schief, sodass SpaceX kurz vor dem Bankrott stand – als der vierte Startversuch jedoch glückte und SpaceX damit die erste private Flüssigrakete in den Erdorbit schoss, wurde auch die NASA auf das Unternehmen aufmerksam. Diese plante nach zwei tödlichen Katastrophen die Absetzung ihres Space Shuttles und den Bau eines neuen Raumschiffs namens Orion MPCV, das Menschen wieder zum Mond bringen soll – daher benötigte sie einen neuen Zugang zur Internationalen Raumstation ISS ohne dabei übermäßig von Russland abhängig zu sein.

Das junge US-amerikanischen Unternehmen bot sich dort natürlich an und so schloss die NASA einen Vertrag mit SpaceX, dessen Inhalt der Bau eines Raumfrachters und der dazugehörigen Rakete war. Das Raumschiff Dragon und die Rakete Falcon 9 konnten dank Massenproduktion und Wiederverwendung zu einem unschlagbaren Preis produziert und angeboten werden, zudem war Dragon als einziger Raumfrachter in der Lage, auch wieder sicher auf der Erde zu landen und nicht nur in der Atmosphäre zu verglühen, nachdem die Fracht ins All gebracht wurde – mit Dragon war also plötzlich billiger Frachtverkehr ins All und zurück möglich.

Dies machte SpaceX innerhalb weniger Monate zum wichtigsten Versorger der ISS und zum größten Anbieter für Satellitenstarts, die spektakuläre Landung der Boosterstufe auf einer Plattform im Meer und die interplanetaren Visionen von Elon Musk faszinierten auch die Menschen. So lockte er mit scheinbar utopischen Plänen: Als nächstes wolle SpaceX die Dragon weiterentwickeln, dass auch Menschen damit fliegen können, das glänzend weiße Raumschiff mit der futuristischen Einstiegsluke und dem digitalisierten Cockpit schien einem Science-Fiction-Film zu entstammen. Außerdem wurde ein Satellitennetztwerk namens Starlink in Aussicht gestellt, das aus 42.000 Satelliten mit neuartigem Hall-Antrieb bestehen solle, die jedem Menschen weltweit einen Highspeed-Internetzugang ermöglichen.

Da hörte dann auch ich das erste Mal von SpaceX und dachte mir sofort: NIE IM LEBEN! Ich hatte nun schon wirklich viele Ankündigungen gehört, die dann nicht in die Realität umgesetzt wurden, von den Mondplänen der NASA unter US-Präsident Bush über Barack Obamas Pläne zu einem Asteroiden zu fliegen bis zu MarsOne, tatsächliche Fortschritte in der Raumfahrt erlebte ich jedoch wie schon gesagt wenige. Auch wenn SpaceX sich mit der regelmäßigen Versorgung der ISS und der erfolgreichen Landung von Raketen schon einen gewissen Respekt erarbeitet hatte, Menschen ins All bringen und eine Satelliten-Flotte eines solchen Ausmaßes zu errichten, ist nochmal eine ganz andere Dimension.

Nun, vor einigen Wochen, startete die Crew Dragon von SpaceX mit zwei Astronauten an Bord zur ISS, zu diesem Zeitpunkt waren bereits 500 Starlink-Satelliten im Erdorbit – zwar nur ein Bruchteil der insgesamt geplanten 42.000, aber schon damit ist SpaceX der größte Satellitenhersteller und Satellitenbetreiber der Welt. Elon Musk ist inzwischen aber schon wieder ganz woanders, und zwar beim Starship, dem Nachfolger aller SpaceX-Raumschiffe und -Raketen.

Das Starship soll eine Höhe von 118 Metern haben und 100 Menschen pro Flug in den Erdorbit, zum Mond, zum Mars oder zu anderen Zielen im Sonnensystem bringen können. Das Schiff verfügt über Einzelkabinen, einen Gemeinschaftsraum und einen speziellen Schutzraum, in dem sich Astronauten während Sonnenstürmen einfinden können, es ist eine Art Weltraumkreuzfahrtschiff – etwas Vergleichbares hat die Menschheit noch nicht hervorgebracht.

Das Starship soll 2021 erstmals einen Kommunikationssatelliten in den Erdorbit bringen und 2023 den japanischen Milliardär Yusaku Maezawa mit ein paar Kumpels zum Mond bringen. 2024 könnte es als Mondlandefähre eingesetzt werden wenn die Astronaut*innen des Artemis-Programms am Südpol des Mondes landen. Auch als Zubringer für Menschen zur neuen internationalen Raumstation im Orbit des Mondes, zum Lunar Gateway, könnte es dienen, dort sollen zunächst vier Astronauten mehrere Monate fernab der Erde leben und arbeiten.

Für die Versorgung mit Fracht dieser Raumstation baut SpaceX sogar ein neues Raumschiff, die Dragon XL. Sie soll bis zu fünf Tonnen Fracht pro Flug zum Lunar Gateway bringen, zum Beispiel Nahrung oder wissenschaftliche Experimente. Das Starship hat langfristig jedoch das Ziel Mars. Bis 2100 sollen hunderte Starships insgesamt eine Millionen Menschen zum Mars gebracht werden. Das klingt wirklich unglaublich.

Doch auch wenn diese Pläne sicherlich ernst zu nehmen und nicht als Spinnerei abzutun sind, muss man auch einen kritischen Blick auf sie werfen – vielleicht sogar gerade deswegen. Das beginnt beim Starlink-Satellitennetz, 42.000 Satelliten sind fünf Mal mehr als in der gesamten Menschheitsgeschichte gestartet wurden. Das könnte uns den ganzen Nachthimmel verschandeln, obwohl es dafür mittlerweile Lösungen gibt. Aber auch das Weltraumschrott-Problem wird durch Starlink eskalieren. Anderseits ist ein weltweiter Highspeed-Zugang zum Internet natürlich auch ein Wert für sich…

Doch das ist nur der Anfang. Wenn Menschen einmal dauerhaft fernab der Erde leben, werden sich ganz andere ethische Fragen stellen. Weder der Mond noch der Mars sind angenehme Orte zum Leben, die geringe Schwerkraft verursacht Rückenschmerzen, die Strahlung kann Krebs verursachen und die Einsamkeit und Abgeschiedenheit kann einen leicht depressiv machen. Nun könnte man meinen, es sei okay, denn die Siedler würden sich ja bewusst für dieses Leben entscheiden, doch was ist mit den Menschen, die auf dem Mars geboren werden und vielleicht auf der Erde lebensunfähig sind?

Wenn eine Millionen Menschen aus allen Nationen an einem Ort unabhängig von der Erde leben, dann müssen sie eine Gesellschaft formen. Doch welche Staatsform soll dort herrschen? Welche Gesetze sollen gelten? Und was ist, wenn die Siedlung beschließt, von nun an unabhängig sein zu wollen? Würden die Erdenbewohner das akzeptieren? Das mag nun alles sehr weit entfernt scheinen und wir sind es gewohnt, uns für sowas Zeit zu lassen, doch SpaceX stellt uns nun sehr schnell vor all diese Fragen. Die technologische Entwicklung droht die gesellschaftliche zu überholen.

Es scheint als wäre der Weltraum eine Art wilder Westen, in der jeder tun kann, was er möchte. Zwar wurde 1967 der Vertrag über die Grundsätze zur Regelung der Tätigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper inkraft, für Deutschland 1971, doch dieser beinhaltet natürlich vor allem zeitgenössische Themen des Kalten Krieges, etwa die Nutzung von Kernwaffen im Weltraum oder die Aneignung von Himmelskörpern, aber niemand hat sich damals darüber Gedanken gemacht, was passiert, wenn eine Privatperson 42.000 Satelliten ins All bringt oder ein Raumschiff für 100 Personen baut.

Wir müssen uns also Gedanken machen, wofür wir nun aufs Neue ins All aufbrechen und wie wir das tun wollen. Lösungen gäbe es genug: Eine orbitale Nutzungsgebühr, die man für die raren Plätze im Erdorbit bezahlen muss, eine internationale UN-Organisation, welche die Nutzung des Alls verwaltet oder eine Erweiterung des Weltraumvertrags auf kommerzielle Raumfahrtunternehmen und das Leben auf anderen Himmelskörpern. Doch in Zeiten, in denen sich die USA bisher nicht mal an den Konsens des Weltraumvertrags der 60er hält, scheint das wohl genauso realistisch wie die kleinen grünen Männchen auf dem Mars.

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