Beschreibung
[S2-E31]: Sind wir wirklich die Menschen, für die wir uns halten?
Wir halten uns für ehrliche, loyale oder disziplinierte Menschen. Aber wie sieht es eigentlich aus, wenn wir unsere eigenen Handlungen etwas genauer betrachten? Entsprechen sie wirklich dem Bild, das wir von uns selbst haben?
Vor Kurzem habe ich dazu eine Umfrage im Community-WhatsApp-Kanal des Podcasts gestellt. Die unterschiedlichen Antworten haben mich dazu gebracht, das Thema in dieser Folge noch einmal aufzugreifen und ein paar meiner eigenen Gedanken mit euch zu teilen.
Dafür beschäftige ich mich zunächst mit Aristoteles und seiner Unterscheidung zwischen dem, was wir uns wünschen, und den Entscheidungen, die wir tatsächlich treffen. Dabei geht es auch um die sogenannte Akrasia, also die Frage, warum wir manchmal genau wissen, was eigentlich richtig wäre, und trotzdem anders handeln. Interessant ist hier auch, wie unterschiedlich Sokrates und Aristoteles dieses Problem betrachten.
Anschließend schaue ich mir an, was Heraklit, Seneca und Epiktet über unseren Charakter zu sagen haben und welche Rolle unsere Gewohnheiten, wiederkehrenden Entscheidungen und moralischen Überzeugungen dabei spielen.
Und natürlich komme ich dabei auch auf die ursprüngliche Frage zurück: Wie sehr stimmt der Mensch, für den wir uns halten, eigentlich mit dem Menschen überein, der wir heute sind?
Eine Folge mit verschiedenen philosophischen Perspektiven, ein paar persönlichen Überlegungen und hoffentlich etwas Food for Thought.
Happy Streaming!
Quellen / Literaturverzeichnis:
Aristoteles - Nikomachische Ethik
Deutsche Übersetzung: Eugen Rolfes, 1911 · Projekt Gutenberg
- Buch II, Kapitel 1 - Die Entstehung moralischer Tugenden durch Gewöhnung: Aristoteles erklärt, dass moralische Tugenden durch Gewöhnung und wiederholtes Handeln entstehen. -> https://projekt-gutenberg.org/authors/aristoteles/books/aristoteles-nikomachische-ethik/chapter/16/
- Buch II, Kapitel 4 - Tugendhaftes Handeln und Charakterhaltung: Hier unterscheidet Aristoteles zwischen der Ausführung einer guten Handlung und dem Handeln aus einer gefestigten tugendhaften Haltung. Entscheidend sind auch die bewusste Wahl und die Beweggründe.-> https://projekt-gutenberg.org/authors/aristoteles/books/aristoteles-nikomachische-ethik/chapter/19/
- Buch III - Prohairesis (bewusste Entscheidung): Aristoteles unterscheidet die bewusste Willenswahl vom bloßen Wünschen und erläutert das Verhältnis zwischen angestrebtem Ziel und gewählten Mitteln. Der Link führt zum vierten Kapitel des dritten Buches in der Rolfes-Ausgabe; die entsprechende Textstelle wird üblicherweise als III, 2 zitiert. -> https://projekt-gutenberg.org/authors/aristoteles/books/aristoteles-nikomachische-ethik/chapter/28/
- Buch VII, Kapitel 3 - Akrasia (Handeln gegen die bessere Einsicht): Aristoteles untersucht den Widerspruch zwischen vernünftiger Einsicht und dem tatsächlichen Handeln unter dem Einfluss von Begierden. -> https://projekt-gutenberg.org/authors/aristoteles/books/aristoteles-nikomachische-ethik/chapter/85/
- Buch VII, Kapitel 8 - Unbeherrschtheit und schlechte Charakterhaltung: Aristoteles unterscheidet zwischen Menschen, die gegen ihre bessere Einsicht handeln, und solchen, die sich bewusst für moralisch unangemessene Handlungen entscheiden. -> https://projekt-gutenberg.org/authors/aristoteles/books/aristoteles-nikomachische-ethik/chapter/90/
Anmerkung: Die Kapitelangaben orientieren sich an der jeweiligen Textgliederung. Je nach Ausgabe können einzelne Kapitelnummerierungen abweichen. Die Übersetzung von Eugen Rolfes aus dem Jahr 1911 ist über Projekt Gutenberg zugänglich.
Platon - Protagoras
Deutsche Übersetzung: Friedrich Schleiermacher
- Abschnitte 352b-358d - Sokrates über Wissen, Einsicht und Handeln: Sokrates untersucht, ob ein Mensch entgegen seiner tatsächlichen Erkenntnis des Guten handeln kann und welche Rolle eine falsche Einschätzung von Lust, Unlust und Nutzen dabei spielt. -> https://projekt-gutenberg.org/authors/friedrich-schleiermacher/books/friedrich-schleiermacher-platons-werke/chapter/14/
Anmerkung: Die verlinkte Textstelle enthält die Argumentation des Sokrates über das sogenannte Überwältigt werden durch Lust. Die angegebenen Stephanus-Zahlen (352b–358d) ermöglichen es euch, die Passage auch in anderen Ausgaben von Platons Werken aufzufinden.
Heraklit - Fragmente
- Fragment DK 22 B119 - Éthos und Daímon: Griechischer Originaltext: „ἦθος ἀνθρώπῳ δαίμων. Das Fragment beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen der menschlichen Eigenart und dem Begriff Daimon. -> https://www.herakleitos.org/fragmente
Anmerkung: Die häufig verwendete Übersetzung „Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal“ ist philosophisch nicht unumstritten. Der griechische Begriff Daimon besitzt unterschiedliche Bedeutungen, weshalb die Textstelle auch anders übersetzt und interpretiert werden kann.
Auf der verlinkten Seite findet ihr den griechischen Originaltext sowie eine deutsche Übersetzung, die das Fragment mit den Worten „Dem Menschen ist seine Eigenart sein Dämon“ wiedergibt.
Die in meiner Podcast-Folge verwendete Formulierung ist deshalb als interpretierende Übertragung zu verstehen.
Seneca - Briefe an Lucilius (Epistulae morales)
- Brief 20, §§ 1-4 - Die Übereinstimmung von philosophischen Überzeugungen und Lebensführung: Seneca fordert, dass philosophische Grundsätze im tatsächlichen Handeln sichtbar werden. Besonders in den ersten beiden Abschnitten betont er, dass sich philosophischer Fortschritt an der Lebensführung und nicht allein an Worten erkennen lässt.
- Deutsche Übersetzung: https://e-hausaufgaben.de/Hausaufgaben/D583-Seneca-Brief-20-in-deutscher-Uebersetzung.php
- Lateinischer Originaltext: https://www.lateinlex.de/?call=Puc&permalink=Sen_epist_2_20
Anmerkung: Die verlinkte deutsche Internetfassung ist als relativ freie Übersetzung gekennzeichnet. Wenn ihr euch genauer mit Senecas Formulierungen und seiner ursprünglichen Argumentation auseinandersetzen möchtet, empfehle ich deshalb, zusätzlich den lateinischen Originaltext heranzuziehen.
Epiktet - Lehrgespräche (Diatriben)
- Buch II, Kapitel 18 - Die Entstehung und Festigung von Gewohnheiten: Epiktet erklärt, dass Fähigkeiten und Gewohnheiten durch wiederholte entsprechende Handlungen verstärkt werden. Diesen Gedanken überträgt er ausdrücklich auf unsere seelischen Eigenschaften und verwendet dabei unter anderem den Zorn als Beispiel.
Vollständige Textpassage - englische Übersetzung: https://en.wikisource.org/wiki/Epictetus%2C_the_Discourses_as_reported_by_Arrian%2C_the_Manual%2C_and_Fragments/Book_2/Chapter_18
Deutsche Ausgabe - Boer Verlag, Übersetzung von Karl Maria Enk: https://www.boerverlag.de/Epiktet_Unterredungen.html
Anmerkung: Der Link zum Boer Verlag führt zur Buchbeschreibung der deutschen Übersetzung und nicht unmittelbar zum vollständigen Kapitel. Die englische Quelle enthält dagegen die betreffende Passage aus Buch II, Kapitel 18.
Ein zusätzlicher Hinweis zu meiner verwendeten Ausgabe:
Die von mir normalerweise zitierte FBV-Ausgabe von Epiktet, Über die Kunst der inneren Freiheit, mit der Einführung von A. A. Long, enthält eine Auswahl aus den Lehrgesprächen sowie das Encheiridion.
Die in dieser Podcast-Folge behandelte Passage aus Buch II, Kapitel 18 ist in dieser Auswahl nicht enthalten. Deshalb führe ich für diesen Abschnitt gesonderte Quellen an, anhand derer ihr die entsprechende Argumentation nachlesen könnt.
Die genaue antike Quellenangabe lautet:
Epiktet, Lehrgespräche (Diatriben), Buch II, Kapitel 18, insbesondere §§ 1- 5.
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⚠️ DIESE FOLGE IST KEIN ERSATZ FÜR EINE PSYCHOLOGISCHE ODER MEDIZINISCHE BEHANDLUNG. WENN DU DRINGEND PSYCHOLOGISCHE UNTERSTÜTZUNG BENÖTIGST, ZÖGERE NICHT, DIR HILFE BEI EINER FACHÄRZTIN ODER EINEM FACHARZT ZU HOLEN – DU BIST NICHT ALLEIN!❤️⚠️
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