Sprachgeschichte von Rhein und Rhone
Verwandt wäre zu viel gesagt, aber es gibt in der Geschichte der beiden
Flussnamen tatsächlich ein paar interessante Parallelen – das macht sich auch in der Schreibweise bemerkbar: Warum schreiben sich beide Flüsse mit "Rh", obwohl das h nicht gesprochen wird? Wenn man über Verwandtschaft spricht, gibt es allerdings eine Kuriosität: Man könnte nämlich sagen, die beiden Flüsse sind weniger sprachlich als geologisch miteinander verwandt.
Warum schreiben sich beide Flüsse mit h?
Beide Flussnamen haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich; mal wurden sie mit, mal ohne h geschrieben. Die heutige Schreibweise geht auf die Römer zurück. Der Rhein taucht schon bei den Römern als "Rhenus" auf und die Rhone als "Rhodanus" – beides mit h. Da merkt man schon: Im Lateinischen waren sich die Namen noch nicht so ähnlich wie heute. Rhein/Rhone klingt heute sehr ähnlich, aber die früheren Namen Rhenus und Rhodanus noch nicht.
Damit stellt sich gleich die nächste Frage, denn wer Latein gelernt hat, weiß: Die Kombination "Rh" ist im Lateinischen eigentlich untypisch und kommt nur bei Wörtern vor, die ihrerseits aus dem Griechischen stammen. Immer wenn griechische Wörter mit dem Buchstaben Rho (ῥ) beginnen, haben die Römer, wenn sie sie ins Lateinische übertragen haben, dieses Rho als "Rh" wiedergegeben – obwohl das h im Lateinischen gar nicht gesprochen wurde.
Griechenland ist weit weg von diesen Flüssen. Warum sollten die Römer die Flussnamen aus dem Griechischen übernehmen?
Im Fall der Rhone lässt sich das ganz gut erklären: Schon lange bevor es das Römische Reich gab, haben die Griechen das Mittelmeer befahren und unter anderem eine größere Handelsniederlassung in Südfrankreich errichtet, in der Gegend des Rhonedeltas. Folgt man dem römischen Geschichtsschreiber Plinius dem Älteren, dann wurde die Rhone – der "Rhodanos" – nach Rhodos benannt, der Heimat dieser griechischen Händler. Plinius lebte allerdings Jahrhunderte nach diesen frühen Griechen, insofern ist die Quellenlage nicht ganz klar. Es gibt auch eine andere Theorie, der zufolge der Name keltischen Ursprungs ist.
Beim Rhein ist es ziemlich sicher so, dass der Name schon bei den Kelten vorhanden war. Ganz ursprünglich geht er zurück auf ein frühes indogermanisches Wort, das "rei" oder "roi" gesprochen wurde und so viel bedeutete wie "fließen". Der Name Rhein bedeutet also ursprünglich einfach: der Fluss.
Diese Wurzel findet sich auch noch im deutschen Wort "rinnen", aber ebenso im lateinischen "rivus" oder im englischen "river". Vom gleichen Wortstamm leitet sich auch das griechische Wort ῥεῖν ab ("rhein" = "fließen"). Manche kennen es aus der Redensart "panta rhei" ("Alles fließt"). Es könnte also so gewesen sein, dass Griechen und/oder Römer bei den Kelten diesen Flussnamen "Rin" gehört haben, ihn spontan mit dem griechischen Wort "rhein" assoziiert und die Römer deshalb ein "h" eingefügt haben, wie es bei der Übertragung griechischer Wörter üblich war.
So kam es, dass die Römer in der Antike beide Flüsse mit "Rh" geschrieben haben. Diese Schreibweise ist später wieder verschwunden. Es gibt frühmittelalterliche Texte, in denen sich der "Rodanus" ohne h schreibt, und der "Rhein" wurde in mittelhochdeutschen Texten ebenfalls ohne h geschrieben.
Das h haben dann erst wieder Gelehrte eingeführt, die sich gern der lateinischen Sprache bedienten und sich an der Klassik der Antike orientierten. Sie haben im Mittelalter das alte h nachträglich wieder eingebaut. Auch wenn die Namen der beiden Flüsse also vermutlich nicht verwandt sind, haben sie doch eine ähnliche Geschichte hinter sich.
Ich finde es ganz lustig, dass die beiden Flussnamen "Rhodanus" und "Rhenus" im Lateinischen entfernt an die Brüder "Romulus" und "Remus" erinnern, die der Mythologie nach Rom gegründet haben.
Welche geologische Verbindung gibt es zwischen Rhein und Rhone?
Man könnte die beiden Flüsse ein bisschen wie geographisch-geologische Geschwister betrachten. Beide Flüsse entspringen nicht nur in den Schweizer Alpen, ihre Quellflüsse liegen geographisch auch nah beieinander. Wenn man sich das auf einer Karte anschaut, bilden die Täler des Vorderrhein und der oberen Rhone – also das Bündner Oberland und das Oberwallis – eine ziemlich gerade durchgehende Linie in den Schweizer Alpen. Die Flusstäler liegen in derselben tektonischen Furche, nur in entgegengesetzte Richtungen. Wenn man durch den
Gotthardtunnel nach Italien fährt, fährt man im Grunde unter der Wasserscheide zwischen diesen beiden Flusstälern hindurch.
Weiter flussabwärts passiert etwas Ähnliches, nur in noch größerem Maßstab. Sowohl der Oberrheingraben als auch das untere Rhonetal gehören zu einem riesigen, mehr als 1.000 Kilometer langen tektonischen Grabensystem, das sich vom Mittelmeer bis in die Nordsee und sogar noch darüber hinaus zieht. Das ist das sogenannte Westeuropäische Riftsystem. Dort senkt sich die Erdkruste ab beziehungsweise wird gedehnt. Die Folge sind breite Täler mit hohen benachbarten Gebirgsflanken und vulkanischer Aktivität – das haben wir am Oberrhein genauso wie im Umfeld des Rhonetals.
Man könnte also sagen: Das untere Rhonetal ist geologisch – mit Unterbrechung – die südliche Fortsetzung des Oberrheins, nur ein bisschen versetzt und mit ein paar Bergen dazwischen. Heute sind die beiden Flusssysteme zudem über den Rhein-Rhône-Kanal miteinander verbunden.
Insofern sind beide Flüsse geologisch ein bisschen wie Geschwister, aber das war den Kelten, Römern und anderen Menschen früher natürlich nicht klar, als sie den beiden so ähnliche Namen gegeben haben.