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Hello, hello, turn your radio on…

… is there anybody out there?

Turbulente, spannende, lehrreiche, frustrierende, euphorisierende und ernüchternde Wochen liegen hinter uns. Es ist zu viel, um es regelmäßig schriftlich festzuhalten. Aber festhalten wollen wir es. Auch das ist ein Grund, warum wir jetzt auch podcasten.

Wir, das sind Jay-Jay und ich. Vielleicht hat der ein oder andere im Rahmen unseres Vereinssuche-Projekts von uns etwas gelesen. Jay-Jay ist mein Sohn. Er sammelt Scherben, liebt Fußball, kann verdammt derbe fluchen, kuschelt gerne mit seiner Mama, kennt die Entfernungen zwischen unfassbaren vielen Sternen, gibt ungerne jemandem die Hand, hasst Kinder, liebt Babys, isst gerne Sushi, verweigert aber Essen, wenn in seiner Nähe jemand ein Wurstbrot isst, ist zehn Jahre und stolzer Asperger-Autist. Letzteres tut eigentlich nichts zur Sache und es ist nicht das bestimmende Thema des Podcasts, aber man sollte es vielleicht bei Radiorebell - Episode 01 - Sterne

der Beurteilung der ein oder anderen Aussage im Hinterkopf haben. Alle Folgen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jay-Jay, meine Frau und ich hören uns gemeinsam die Folgen an und schneiden Passagen heraus, die Jay-Jay rausgeschnitten haben möchte, oder auch Aufnahmenteile, bei denen wir als Eltern es für besser halten, sie nicht der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Es ist durchaus möglich, dass diesbezüglich die Maßstäbe bezüglich Intimität und Privatsphäre meiner Familie, Präzision und Richtigkeit der Aussagen zum Autismus und inhaltlicher Anspruch wie ein schiefes Paradigma überforderter Eltern wirken mögen, aber ich sehe das, was wir veröffentlichen, auch ein wenig als Beitrag, das Thema Autismus besser verstehen zu lernen und lasse mich von dem treiben, was meinem Sohn jetzt gut tut und nachhaltig keinen Schaden anrichtet. Wie viele Schwierigkeiten auf der Welt würden sich abrupt verkleinern, wenn man das Problem verstehen würde? Was würde es mit einem denkenden, reflektiert handelnden Menschen machen, wenn man ohne fachchinesisch und ohne dumpfe Stammtischparolen über den empathielosen, gefühlskalten Autisten aus erster Quelle erfährt, wie vielfältig Autismus ist, wie schwer und hart es für Autisten in manchen Situationen ist. Wie anstrengend kleine Dinge sein können, die für uns nur Lappalien darstellen, und wie enorm einfach und simpel schön ihr Blick auf die Welt doch manchmal ist. Ich möchte es nicht Kampf nennen, aber es kommt dem am nächsten, wenn ich über die Veröffentlichung intimer Erlebnisse nachdenke und berücksichtige, wie viel mehr Verständnis meinem Sohn entgegen gebracht werden könnte, wenn man es von ihm hört, mit ihm spricht, ihn versteht, wie wunderschön klar seine Gedanken sind, wie unerträglich seine Aussetzer sind und dann unterscheiden lernt, wie man das eine fördert und das andere nicht unnötigerweise herausfordert. Das und die Hoffnung auf den ein oder anderen Ratschlag der vielen tatsächlichen Autismus-Experten da draußen, sowie ein mich den letzten Nerv raubender zehnjähriger Podcast-Chef sind der Grund, warum man nun erstmalig auch von uns hört und nicht nur liest.

Ich habe einen Patreon-Account aufgesetzt.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, für Zeit mit meinem Sohn bezahlt werden zu wollen, und auch nicht, dass der ein oder andere Moralapostel mir vorwerfen kann, ich würde aus dem Leid meines Sohnes, welches nicht einmal vorhanden ist, Kapital schlagen wollen. Wir sind nicht reich und nicht arm und das Mittagessen wird unabhängig von einer Unterstützung nicht größer oder kleiner als zuvor und es wird auch in dreißig Jahren noch mehr sein, als viel zu viele Menschen auf der Welt haben. Trotzdem haben wir uns dafür entschieden, dass man uns über eine Crowdfundingplattform unterstützen kann. Das Equipment gabs halt nicht geschenkt, und für die eine oder andere Podcastfolge werden vielleicht ein paar kleinere Randkosten entstehen. Patreon funktioniert unter anderem, indem zusätzlicher exklusiver Inhalt an eine regelmäßig zahlende Supporter-Gruppe freigegeben wird, und so sehr ich den Gedanken der nachhaltigen Unterstützung schätze, umso mehr widerstrebt es mir aber auch, die Mitleser und Mithörer in unterschiedliche Klassen zu unterteilen. Daher wird einem Patreon-Unterstützer von uns nicht einmal etwas besonderes geboten, was er als treuer Feed-Begleiter oder Blogabonennt nicht ebenfalls lesen oder hören kann. Sinnlos? Nein. Rebellisch, vielleicht. Fair? Ich denke, ja.

Wenn also der ein oder andere Mitleid hat mit der armen Familie mit dem autistischen Sohn, dann sucht Euch eine lokale Hilfsorganisation Eures Vertrauens und gebt dort ein paar Euro aus. Es gibt unzählig viele Menschen, die es dringender brauchen, und Mitleid ist bei uns nicht vonnöten. Wir haben den besten Sohn der Welt. Über Unterstützung freuen wir uns aber trotzdem, und Kommentare, Belehrungen, Be- und Verurteilungen nehme ich gerne per Mail unter radiorebell@wochenendrebell.de entgegen. Mit Antwortgarantie. Über Rezensionen oder Blogkommentare freuen wir uns auch, im Gegensatz zur Mail liest hier aber auch der Podcast-Chef mit. Ich danke für Eure Rücksichtnahme.

Nun denn, seit einigen Monaten löchert mich Jay-Jay wegen eines eigenen Podcasts. Ich spüre auch, wie sein Verlangen, sich selbst mehr zu äußern, größer und größer wurde, ohne dass seine Disziplin und der Wille, vielleicht regelmäßig etwas für den Blog zu schreiben, ausreichte – und das ist auch absolut okay so. Die zahlreichen Therapie-Termine schlauchen ihn genügend und meine beruflich engere Einbindung in der jüngeren Vergangenheit und den nächsten Monaten erhöhte den Druck,ihm außerhalb unserer Rebellentouren klar geregelte, gemeinsame Zeit mit mir zu verschaffen, etwas routiniertes, regelmäßiges, aktuell auch als Stadionbesuchsersatz. Zudem mag er den Gedanken, sich Menschen gegenüber äußern zu können, ohne dass er mit ihnen ins Gespräch kommen muss. Es ist aber nicht so, dass er gute Gespräche mit Erwachsenen nicht auch zu schätzen weiß. Ich durfte schon großartigen Gesprächen von ihm mit anderen Menschen beiwohnen, aber er schätzt es auch mal sehr, nur zuzuhören oder auch einfach was loswerden zu können, ohne dass er zwischendurch vielleicht zu sehr gemaßregelt wird.

Von den ersten Grundideen bis zur heutigen, groben Konzeption vergingen einige Wochen. Ziemlich unvorbereitet stürzen wir uns in verschiedene Themen, und in welchen Zeitabständen auch immer der Podcast erscheinen wird, Podhost Jay-Jay wird als Radio-Rebell immer wieder einen Gast zum Gespräch bitten. Mich. Seinen Papsi. Wir haben beide aktuell etwa fünfzehn Themen auf Loszettel geschrieben. Themen, die uns beschäftigen, oder über die wir mit dem anderen aus unterschiedlichsten Gründen sprechen möchten. Der Themenpool wird zukünftig noch wachsen. Vielleicht interessieren ihn neue Dinge, vielleicht gibt es ein aktuelleres Thema, und wer Jay-Jays Herangehensweise kennt, der weiß, dass er, sollte es das Thema kasachische Delikatessen geben, zunächst ein kasachisches Restaurant besuchen möchte, was mir in Anbetracht von Themenblöcken wie Sex und Volksmusik, die bereits in der Lostrommel liegen, ein wenig Sorge bereitet. Wir werden in jeder Folge ein Thema besprechen, welches wir in der Sendung zuvor ausgelost haben. Jay-Jay entscheidet dann, ob und wie er gedenkt, sich auf die Sendung vorzubereiten und wie ich ihn bei der Recherche unterstützen kann. Vermutlich gibt es auch einige Themen, wie Geschwister, Freundschaft oder unsere Touren als Wochenendrebellen, bei denen es wenig Recherchevorarbeit und Vorbereitung geben wird. Vielleicht sprechen wir nach zehn Stunden Recherche zum Thema Fußball auch eine Dreiviertelstunde über Ballett, oder Jay-Jay ändert spontan das Thema, weil er vielleicht doch lieber über was anderes sprechen möchte. Ich weiß es nicht, und eigentlich ist es mir egal. Ich handele nicht als ausgebildeter Moderator, Therapeut, Medien-Profi, Familienkommerzialisierungsmonster oder Asperger-Experte. Ich handele als Vater, und ich glaube, die Aussagen meines Sohnes können sich hören lassen. Und: er ist der Chef. Wie immer. Viel Spaß! Wir freuen uns auf Feedback.

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